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Friday, 06. December 2019
   
Dieter S.

 
Farbe macht froh - 15/04/2008 14:53 Farbe macht froh,
oder
ein Bäcker auf der grünen Wiese


Es war einmal vor vielen Jahren auf dem MS Gera, als die Sonne den Bootsmann Siggi Schlubbe durch das Bullei gar fürchterlich an der Nase kitzelte. Die Gera war auf der langen Rückreise von Madras nach Stettin. Die Stimmung der ganzen Mannschaft war wie immer kurz vor der Ostsee, in Erwartung von „Schniff“ und „Horch“, nicht besonders euphorisch. Aber das nur nebenbei. Schlimmer war die Sonne, sie hätte sich lieber an diesem Tage hinter dicken Wolken verstecken sollen. Dreimal drehte sich der Bootsmann noch ächzend in seiner Molle und stand dann genervt und missmutig auf. Das bevorstehende Frühstück konnte ihn nach der etwas kurz geratenen Katzenwäsche doch ein wenig versöhnlicher stimmen. Gähnend stapfte er auf seinem morgendlichen Rundgang an den Aufbauten vorbei nach Mittschiffs. Eine ganze Woche lang hat seine Deckbesatzung auf den Knien rutschend das Deck vom Roste befreit und ein frisches Frühlingsgrün aufgetragen. So trat er also aus dem Schatten der Aufbauten auf seine grüne Wiese, um stolz auf das Werk seiner fleißigen Truppe zu blicken. Doch plötzlich ging ein dumpfes Rütteln durch das Schiff. Selbst der letzte Schläfer sprang irritiert aus seiner Koje. Siggi Schlubbe stand wie vom Blitz getroffen und traute seinen Augen nicht. Eine Welt schien zusammenbrechen zu wollen. Die Wut kroch erst langsam doch dann mit unbändiger Gewalt in alle seine sieben Sinne. „Das Schwein kriege ich!“, quetschte er zwischen seinen knirschenden Zähnen hervor, bevor er kehrt machte und im Sturmschritt zu den Mannschaftsräumen eilte.

"Wer war das?!", polterte er die verdutzte Gang an. "In einer halben Stunde hat Derjenige sich gemeldet, oder es passiert ein Unglück!" Und schon war er unterwegs, um die passenden Strafmaßnahmen mit dem Kapitän auszuhandeln. Kapitän Seidler hörte sich die bootsmännische Leidensgeschichte noch etwas verschlafen an, was mit Sicherheit einen positiven Einfluss auf das bevorstehende Ergebnis hatte. Dann erhob er sich gemächlich und ging zum Fenster. Tatsächlich es war, wie der Bootsmann es geschildert hatte. Trotzdem konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, was den Bootsmann nur noch wilder machte. „Gut!“ sagte Kapitän Seidler, was nicht hieß, dass das gut sei, sondern es war der Beginn seiner Rede zum Bootsmann: „Sie machen den Übeltäter ausfindig, und sollte sich keiner freiwillig melden, so werden wir um 10 Uhr alle an Deck antreten lassen und die entscheidende Frage stellen“. Der Käpt`n kannte seine Mannschaft, darum fügte er hinzu: „Sagen sie der Mannschaft, falls sich keiner meldet, dann fällt die Feier heute aus!“ Es war der 1. Mai. Ein Ausfall des ersten Teiles hätte sicher keinerlei Emotionen berührt, aber der Ausfall der Feier mit WBS und schon etwas bitterem Hafenbräu, das war schon eine ernstzunehmende Drohung. Und so brach das Donnerwetter über die erschütterte Mannschaft herein. Keiner war es, alle hatten dieses mal wirklich ein reines Gewissen. Und melden konnte sich auch keiner, denn der Übeltäter schlief seelenruhig und träumte von saftigen Wiesen und Rindern mit vollen Eutern köstlicher kühler Milch.

Am Vorabend des wichtigsten Feiertages der Welt in der DDR saß die "Wirtschaft" wie oft in geselliger Runde und lies die Becher kreisen. Die Köche Peter Podzimski und Lieschen Müller, der Bäcker Hartmut Matern und die Stewardessen Bärbel Hartmann, Bruni Podzimski und Gabi Kaysen saßen mit einigen anderen Zechern beim WBS, welcher zu Kujampel verfeinert wurde. Zu vorgerückter Stunde, die Stimmung war mit Sicherheit bereits bei 6000m angelangt, eine Höhe, wo der Sauerstoff langsam dünn wird und sich Euphorie einstellt, hatte unser Teigkneter nach einer ausgiebigen Diskussion über die Deckserneuerung eine grandiose Idee, welche er vorerst aber für sich behielt. Früh um 3 Uhr muss das arme „Bäcker-Schwein“ aber schon in die Kombüse, um Brot und Brötchen für das Frühstück zu backen. Auf dem Wege in seine Backstube stolperte er förmlich über einen Topf mit weißer Farbe, und sofort dachte er an die Idee vor Stunden. Das fatale Werk war bald geschafft. Mit künstlerischem Geschick werkelte er eine Weile und betrachtete dann wohlwollend und verschmitzt die geschaffene Herrlichkeit. Genüsslich setzte er sich auf einen Niedergang und betrachtete die grüne Wiese mit den nun blühenden weißen Gänseblümchen. Eine Kuh müsste ich noch machen, dachte er, aber die Zeit drängte und die Mannschaft wollte Ihre Brötchen pünktlich. Der Bäcker geht schlafen wenn die Mannschaft aufsteht. Das war dann auch der Grund, das sich kein Übeltäter melden konnte. Doch um 10 Uhr war es vorbei mit seiner Ruhe. "Alle raus an Deck antreten!" Verschlafen zieht er sich an und stolpert zu den anderen, die schon auf der Gänseblümchenwiese stehen und hinter vorgehaltener Hand wiehern. Es will nicht der nötige Ernst aufkommen. Inzwischen hat sich die freundlich frische Gänseblümchenwiese auf dem heimwärts laufenden „Frühlingsfrachter“ mit lachenden, fröhlichen Menschen gefüllt, die nur noch ihre Fete retten mussten, um den Tag perfekt ausklingen zu lassen. Der Bäcker ahnte aber noch nichts, obwohl ihm beim Anblick der Blümchen ein schlimmer Verdacht überkam. Er konnte sich jetzt schon denken, dass dies keine Maidemonstration war, wozu man ihn unsanft aus seiner Koje geklopft hatte. Maul halten und durch, waren wohl so seine Gedanken. „Antreten!“, donnerte der Bootsmann zornig. Kaum stand die Mannschaft, der Kapitän war noch im Anmarsch, als der Bootsmann ganz rote Ohren vor Aufregung bekam. Alle blickten gebannt in die Richtung, die den Bootsmann erstarren lies. „Bäcker, du Schweinehund!“ brach es aus ihm heraus, und er stürmte auf den verdatterten zu. Der bis ins Mark erschütterte Bäcker kam überhaupt nicht zum Denken, hob beide Arme und bekannte sich spontan zu der frevelhaften Tat. Jetzt bemerkten es auch die anderen, und ein ohrenbetäubendes Gelächter schallte über das Deck, gerade als der Kapitän eintraf. Der Bäcker hatte sich bei etwas Hafenbräu-verklärtem Blick versehentlich auch die Schuhspitzen weiß angestrichen und war so eine leichte Beute für die Adleraugen des Bootsmanns.

Am Abend erschien Hartmut, der Bäcker, mit einem Kasten Bier und zwei WBS und verkündete nicht ohne Stolz, „Ich hatte nur keine Zeit mehr, um euch noch eine Kuh auf die Wiese zu stellen“. Und zum Bootsmann gewandt bemerkte er: „Du musst ganz still sein, oder wer hat dem Koch heimlich die Kammer blau angestrichen und Sterne an die Decke gemalt?“. Und so ging es weiter bis die Bauchmuskeln schmerzten. Und solange sie nicht gestorben sind, lachen sie noch heute bei jedem Treffen über die alten wahren Seemannsgeschichten.

Dem Bootsmann Siggi Schlubbe frei nacherzählt
von Dieter S
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G. Schwarz

 
Re:Farbe macht froh - 13/06/2008 19:16 Eine tolle Geschichte! Gefält mir am besten!
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Goze01

 
Re:Farbe macht froh - 13/03/2011 22:18 der arme siggi den ganzen spass durfte er auch auf der quedlinburg erleben aber da wars der 0-4 wächter auf allgemeinen wunsch des zweiten auf reede bombay
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Frieder Försterling

 
Re:Farbe macht froh - 27/03/2011 18:33 Dein Schreibstiel ist echt klasse, hab selten so gelacht. Ich kenne ähnliche Bootsmänner und kann die Sache gut nachvollziehen.
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